Der Frauennotruf Heidelberg ist bei der Demo zum internationalen Frauen*kampftag am 8. März mit einem Redebeitrag vertreten.

Redebeitrag des Frauennotrufs Heidelberg

Dass die Krise im System steckt, wissen wir beim Frauennotruf gegen sexuelle Gewalt an Frauen und Mädchen e.V. nur zu gut.

Sexualisierte Gewalt ist Teil eines patriarchalen Systems. Eines Systems, welches Frauen in eine untergeordnete Rolle zwingt, ihnen Gewalt antut und sie gleichzeitig für ihre Arbeitskraft und ihren Körper ausbeutet. Wir stecken also nicht nur jetzt aufgrund von Corona in einer Krise – nein, die Krise ist dauerhaft! Sexualisierte Gewalt ist tagtäglich eine Gefahr für Frauen, hier und weltweit. Wenn wir sie nicht selbst erleben müssen, dann müssen wir sie befürchten und überdenken unser Handeln, um möglichst nicht selbst zur Betroffenen zu werden. Dabei vergessen wir als Gesellschaft, dass die Verantwortung für Übergriffe nicht bei uns Frauen liegt, sondern bei den Tätern und den sexistischen Strukturen unserer Gesellschaft. Wir dürfen uns nicht darauf ausruhen, wenn wir innerhalb des Systems kurzzeitige Verbesserungen für einzelne Frauen erreichen, wir müssen das Problem an der Wurzel packen und für die Emanzipation aller Frauen eintreten! Wir dürfen es uns nicht im Patriarchat gemütlich machen, sondern müssen es beständig kritisch analysieren und radikal bekämpfen!

Seit Jahrzehnten macht der Frauennotruf daher auf diesen gesamtgesellschaftlichen Missstand der Gewalt an Frauen aufmerksam. Auch heute noch ist jede 7. Frau von schwerer sexualisierter Gewalt, wie Nötigung oder Vergewaltigung, betroffen, jede 2. hat sexuelle Belästigung erlebt und jedes 4.-5. Mädchen, sowie jeder 7. Junge ist von sexuellem Missbrauch betroffen. Seit 2018 ist die Istanbul-Konvention in Kraft getreten. Mit diesem Gesetz verpflichtet sich Deutschland Frauen und Mädchen vor Gewalt zu schützen, doch bis heute fehlt es an einer vernünftigen Umsetzung. Frauennotrufe und andere Frauenberatungsstellen sind chronisch unterfinanziert und unterbesetzt. Im ländlichen Raum müssen Frauen oft weite Strecken zurücklegen, um Unterstützung zu erhalten. Mit der Istanbul-Konvention sollte es jeder Frau möglich sein eine Beratung ohne große Hürden in Anspruch nehmen zu können!

Die Pandemie verdeutlicht diese Missstände noch einmal deutlich und verstärkt sie. Alte Traumata kommen wieder hoch, neue Gewalterfahrungen werden im privaten Raum, der eigentlich Sicherheit geben soll, erlebt. Statistiken zeigen, dass die Gewalt gegen Frauen in Zeiten von Lockdown und social distancing steigt. Gleichzeitig ist es schwieriger sich Hilfe und Unterstützung zu suchen. Wenn man mit dem Gewalttäter in einer Wohnung sitzt, ist der Griff zum Telefon und damit zu unserer Beratungsstelle schwer. Schwerer als er vielleicht eh schon ist, weil Frauen bis heute mit Schuld- und Schamgefühlen aufgrund erlebter Gewalt zu kämpfen haben. Diese Gefühle haben sie nur, weil wir gesellschaftlich Frauen bis heute für erlebte Gewalt stigmatisieren und sexualisierte Gewalt oft immer noch tabuisiert wird. An diesem Punkt wollen wir deswegen nicht nur auf die Missstände aufmerksam machen, sondern auch auf die Notwendigkeit der Solidarität. Solidarität mit von gewaltbetroffenen Frauen, aber auch generell unter uns Frauen.

Wir fordern deshalb bedingungslose Solidarität mit den Betroffenen! Wir fordern den Täterschutz und die Bagatellisierung sexualisierter Gewalt an Frauen zu beenden und die Istanbul-Konvention endlich umzusetzen!

Dennoch machen auch einige Entwicklungen Mut

Trotz alledem bleibt der 8. März völlig zu Recht ein Tag zum feiern – denn feministische Bewegungen haben auch im vergangenen Jahr großartiges geleistet.
In Argentinien wurde das Recht auf Schwangerschaftsabbrüche erkämpft – ein riesiger Erfolg in dem seit der Kolonisation katholisch geprägten Land, der einer breiten und entschlossenen feministischen Bewegung zu verdanken ist.

In unserem Nachbarland Polen wurde zwar das Recht auf körperliche und sexuelle Selbstbestimmung noch weiter eingeschränkt, aber die feministische Gegenwehr, die es schaffte, binnen Stunden landesweit hunderte auf die Straße zu bringen, macht Mut für die Zukunft.

Weltweit machen Feminist_innen unter dem Titel „Ni una menos“ auf Femizide aufmerksam. Und der öffentliche Druck bewegt etwas – so fand im Bundestag am 01. März die erste Anhörung zum Thema statt, basierend auf dem Antrag der Linksfraktion “Femizide in Deutschland untersuchen, benennen und verhindern“.

Und bei uns im Frauennotruf?

Auch wir im Frauennotruf Heidelberg standen im letzten Jahr vor ungewohnten Herausforderungen. Vieles war nicht wie sonst möglich und doch haben sich auch einige kreative Angebote entwickelt.

In allen Bereichen haben die Kolleginnen Möglichkeiten gefunden, Klientinnen auf neuen Wegen zu erreichen und auch der Austausch zwischen den einzelnen Teams kommt während der Pandemie nicht zu kurz.

Auf ein weiteres Jahr voller wichtiger Forderungen, gemeinsamer Kämpfe, Herausforderungen und Erfolge – wir wünschen Ihnen und Euch allen einen
wundervollen 8. März!