Der Frauennotruf gegen sexuelle Gewalt an Frauen und Mädchen e.V. möchte Heidelberger Schulen darin unterstützen, Kinder und Jugendliche vor sexuellem Missbrauch und sexualisierten Übergriffen besser zu schützen. Bereits 1995 wurde vom Frauennotruf das Präventionsprojekt „Mädchen stärken – Mädchen schützen“ ins Leben gerufen. Es ist mittlerweile eine Institution geworden. Jedes Jahr erreichen wir an weiterführenden Schulen in Heidelberg durchschnittlich ca. 300 Mädchen. Der Frauennotruf gegen sexuelle Gewalt an Frauen und Mädchen e.V. hat aufgrund seiner ebenfalls langjährigen Erfahrungen mit betroffenen Frauen, die in der Kindheit und/oder als Erwachsene sexualisierte Gewalt erlebten, das Präventionsprojekt mit Modulen für die Erwachsenen- und Mädchenarbeit entwickelt. In diesem Kontext ist dem Frauennotruf die Nachhaltigkeit ein besonderes Anliegen. Sexualisierte Gewalt ist kein individuelles Problem, sondern ein gesamtgesellschaftliches. Prävention sexualisierter Gewalt bedeutet für den Frauennotruf, die Rahmenbedingungen zu verändern und nicht nachzulassen, sich dafür einzusetzen, dass in Schulen und Einrichtungen, in denen Kinder, Jugendliche, aber auch unterstützungsbedürftige Erwachsene leben, Schutzkonzepte entwickelt werden. Denn nur mit klaren Handlungsleitfäden bei sexualisierter Gewalt/Übergriffen lässt sich mittelfristig die Zahl der Betroffenen verringern. Darum wollen wir gemeinsam mit den Schulen Schutzkonzepte entwickeln, um sichere Orte für Kinder und Jugendliche zu schaffen, in denen Missbrauch und sexualisierte Übergriffe keinen Raum haben.

Damit unterstützen wir auch die bundesweite Initiative „Schule gegen sexuelle Gewalt“ des Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig (UBSKM)1. Rörig weist klar darauf hin, dass Schulen neben dem Bildungsauftrag auch einen Schutzauftrag für die Kinder und Jugendlichen haben. Es ist ein Zeichen von Qualität und Offenheit, wenn eine Schule ein Schutzkonzept gegen sexualisierte Gewalt entwickelt hat. Schutzkonzepte an Schulen zum Schutz vor sexualisierter Gewalt sind ein Qualitätsmerkmal für gelebten Kinderschutz. Dabei wollen wir die Schulen unterstützen.

Schutzkonzepte beinhalten, neben Präventionsangeboten für die Mädchen und Jungen, kompetente Ansprechpersonen und einen Handlungsleitfaden im Sinne eines Notfallplans, der sich an den spezifischen Bedingungen der Schulen orientiert und das Vorgehen in Fällen der Vermutung sowie bei Bestätigung von sexualisierter Gewalt regelt.

Für Kinder und Jugendliche, die sexualisierte Gewalt erleiden, ist es wichtig, dass ihre Signale wahrgenommen werden und sie auf kompetente Ansprechpersonen treffen, die wissen, wie im Verdachtsfall zu handeln ist.

Für jugendliche Täter*innen ist eine klare und eindeutige Haltung der Einrichtung wichtig: Unsere Schule duldet keine Übergriffe! Sexualisierte Übergriffe durch Jugendliche sind kein Spaß, sondern ein ernstes Thema: sexualisierte Gewalt wächst sich nicht aus, sie erfordert konsequentes Handeln. Daher stellt ein individuell angepasstes Schutzkonzept eine wichtige Präventionsmaßnahme dar.

Eine Kultur der Aufmerksamkeit (hinsehen und hinhören) muss Teil des Lebens und Lernens in der Schule sein! Sexualisierte Gewalt in der Schule erleben Schüler*innen in verschiedenen Konstellationen: sexualisierte Gewalt durch Lehrkräfte und Mitarbeiter*innen der Einrichtung, sexuelle Übergriffe durch Mitschüler*innen und sexualisierte Gewalt außerhalb der Schule z.B. innerhalb der Familie oder Partnerschaft.

Handlungsleitfaden: Sicherheit für Lehrkräfte

„Das Kernstück eines schulischen Schutzkonzepts ist ein Plan, der festlegt, wie das Vorgehen in einem Verdachtsfall auszusehen hat. Ein Interventionsplan bietet der Schulleitung, den Lehrkräften und pädagogischen Fachkräften die erforderliche Orientierung und eine gewisse Sicherheit, wenn sie Anzeichen von sexueller Gewalt wahrnehmen. Die Erfahrung zeigt, dass die Bereitschaft, Hinweisen nachzugehen und Anhaltspunkte ernst zu nehmen, steigt, wenn man weiß, was zu tun ist.“ 2

Die Lehrkräfte geraten im Falle eines Verdachts weniger unter Druck, wenn sie die Grundregeln der Intervention und die Kooperationsverfahren im Kinderschutz kennen sowie mit den beteiligten Personen und Institutionen vertraut sind. Ein Verdacht auf sexuellen Missbrauch löst immer panische Gefühle aus. Klarheit und Offenheit wirken dieser Angst entgegen und versachlichen den Konflikt.

Prävention sexualisierter Gewalt schließt qualifizierte Information und Diskussion über sexualisierte Gewalt und Sexualität ein. Durch offenen Umgang mit dem Thema kann sexuellen Übergriffen in der Schule auch präventiv begegnet werden.

„Kein Raum für Missbrauch“ - Projekt über ein Schuljahr

Ziele:

  • eine Haltung und Kultur zu entwickeln, die von Respekt, Aufmerksamkeit, Achtung und Wertschätzung geprägt ist
  • Unsicherheiten und Berührungsängste in Bezug auf das Thema sexualisierte Gewalt abbauen
  • der Ablehnung sexualisierter Gewalt deutlich Ausdruck zu verleihen und aktiv zu werden
  • hinsehen und die richtigen Schritte zu unternehmen bei Verdacht bzw. bei Bestätigung von sexualisierter Gewalt
  • vorbeugende Maßnahmen gegen sexualisierte Gewalt innerhalb der Schulen im Alltag
  • Risiken erkennen und abbauen
  • Schüler*innen zu signalisieren, dass sie in der Schule vertrauensvolle und kompetente Ansprechpersonen finden
  • Vernetzung und Kooperation mit Fachberatungsstellen
  • Unsicherheiten und Berührungsängste in Bezug auf das Thema sexualisierte Gewalt abbauen

Partizipation:
Schulleitung:

  • Offenheit und Sensibilisierung für das Themenfeld schaffen
  • Vorgabe von Maßnahmen zum Kinderschutz durch die Leitung die folgendes beinhaltet: ein erweitertes Führungszeugnis für alle Mitarbeitende, eine Beschwerdestelle, weibliche und männliche Ansprechpersonen, ein Notfallplan, erarbeitet von Vertreter*innen der Schule mit Hilfe des Frauennotruf gegen sexuelle Gewalt an Frauen und Mädchen e.V. in Heidelberg

Lehrkräfte/Mitarbeitende:

  • Lehrer*innenfortbildungen und Qualifizierungsmaßnahmen für alle Mitarbeitenden, auch aus dem nicht-pädagogischen Bereich (Sekretär*in, Hausmeister*in, etc.), um drohenden Missbrauch zu erkennen und zu verhindern
  • Vertreter*innen aus dem Lehrer*innenkollegium in Werkstätten zur Entwicklung der Handlungsleitfäden/Notfallplan und eines Verhaltenskodex.

Vier Termine mit folgenden Schwerpunkten: Einstieg ins Thema, Analyse (Potential/Risiko bzw. Bedarf), Massnahmenkatalog, Strategien zur Umsetzung

Schüler*innen:

  • Bedarfsanalyse per Fragebogen (für Handlungsleitfaden)
  • Missbrauchsprävention im Schulprogramm aufnehmen, sowohl durch präventive Maßnahmen im Alltag als auch durch gezielte Angebote für die Mädchen und Jungen
Eltern: Elternabende, Workshop (Inhalte s. Bausteine des Schutzkonzepts)

Bausteine des Schutzkonzepts - zur Prävention, Intervention und langfristigen Aufarbeitung und Veränderung

  • Leitbild 
  • Handlungsleitfaden/ Notfallplan
  • Fortbildungen
  • Verhaltenskodex
  • Beschwerdestellen und Ansprechpersonen
  • Präventions-Angebote für die Schülerinnen und Schüler und ihre Eltern
  • Kooperation mit Fachberatungsstellen

Ansprechpersonen:
Dipl.-Psych. Susanne Falk, Fachkraft für Prävention und Intervention bei sexuellem Missbrauch, Trainerin für Frauen-Beauftragte in Einrichtungen der Behindertenhilfe
Elif Dişli-Gülçalar, Sozialpädagogin B.A., Sozialwissenschaftlerin M.A., Fachkraft für Prävention und Intervention bei sexuellem Missbrauch 


1 Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs

2 Broschüre: Was muss geschehen, damit nichts geschieht? Arbeitsstab des UBSKM, Stand 06/2016