Ein Interview auf der Hauptstraße.
Es ist ja immer etwas los in der Hauptstraße – aber an diesem Samstag wurden viele Passantinnen
und Passanten doch verblüfft.
Zwei kleine Frauenteams in grellem Pink, getragen als Sarong, als Wickelrock oder als übergroße
Haarschleife, sprachen die Leute an und warben nicht etwa für Bonbons oder einen neuen Kinofilm,
sondern stellten ein paar kurze Fragen zu sexueller Gewalt.
Das fröhliche Outfit stand in deutlichem Kontrast zum Ernst des Themas, erleichterte den Kontakt
und nahm den Fragen einen Teil der Schwere. „Kennen Sie den Frauennotruf Heidelberg?“ „Ja,
aus meiner Stadt, das wird so ähnlich sein“, „ja, kenn ich, haben Sie nicht die schöne Ausstellung
in der Hauptstraße gemacht vor ein paar Jahren“ oder ähnlich antworteten immerhin 14 der 59
Befragten, mithin 23%. Dass allerdings viele Heidelberger und Heidelbergerinnen und viele Ladenin-haber in der Fußgängerzone noch nie von der Einrichtung gehört hatten, die seit 30 Jahren Frauen
und Mädchen berät, denen sexuelle Gewalt widerfahren ist, gab doch zu denken und deutet
darauf hin, dass noch viel mehr Öffentlichkeitsarbeit vonnöten ist.
Die Antwort auf die zweite Frage: „Kennen Sie eine Frau oder ein Mädchen, die sexuelle Gewalt erfahren musste?“ fiel in beinah 75% der Fälle negativ aus: „Nein, kenn ich niemand, gottseidank.“ Einige der insgesamt 15 Angesprochenen, die bejahten, beeindruckten mit großer Offenheit: „Ja,
ich hab das selbst erlebt. Aber damals hab ich mich so geschämt, dass ich nicht zur Polizei
gegangen bin in meiner kleinen Stadt. Die hätten mich ja alle auf der Straße wieder erkannt,
nein, wirklich nicht. Dann hab ich es verdrängt und erst viel später darüber mit einer Freundin
darüber gesprochen.“ Andere schockierten: „Ich habe in der Kinderchirurgie beruflich damit zu tun,
und manchmal ist das kaum zum Aushalten. Wir bekommen dann die, die buchstäblich zusammen
geflickt werden müssen – sicher mindestens zwei im Monat, und das sind nur die eindeutigen und schwersten Fälle.“
Die 25% der Frauen und Männer, die angaben, jemanden zu kennen, der oder die sexuelle Gewalt
erlebt hatte, spiegeln die hochgerechnete Statistik von Polizei und Frauenberatungsstellen,
die davon ausgehen, dass mindestens jede 4. Frau in ihrem Leben eine oder mehrere solcher
Erfahrungen macht. Über alle Schichten und Klassen hinweg.
Die seit 10 Jahren stetig steigenden Beratungszahlen in den Frauennotrufen und ähnlichen
Einrichtungen jedoch sind kein schlechtes, sondern im Gegenteil ein sehr gutes Zeichen:
mit steigender Bekanntheit dieser Möglichkeit und mit der wachsenden gesellschaftlichen
Öffentlichkeit wagen es immer mehr Frauen und Mädchen, sich Hilfe zu suchen und damit
aktiv an ihrer Heilung zu arbeiten.
Am meisten erstaunte das Interviewteam des Frauennotrufs jedoch die Antwort auf die dritte Frage:
„ Glauben Sie, dass es Vergewaltigung in der Ehe gibt?“ Von allen 59 Befragten – sowohl Frauen
als auch Männern – meinte nur eine einzige, dass Vergewaltigung in der Ehe wahrscheinlich nicht
vorkäme. Alle anderen antworteten meist sogar ohne das geringste Zögern: „Ja, natürlich gibt es das.“
Hier hat die öffentliche Diskussion offenbar zum größten Meinungsumschwung geführt – immerhin hat
das in Deutschland erst 1997 als Straftat Aufnahme ins Strafgesetzbuch gefunden – nach heftigen
und kontroversen Debatten in allen Medien.
Zu den erfreulichsten Ergebnissen der Aktion zählten die Reaktionen etlicher Geschäftsinhaber
entlang der Hauptstraße, die anboten, immer wieder gerne die Faltblätter des Frauennotrufs
auszulegen und ihre Kundinnen aktiv darauf hinzuweisen, das Anknüpfen einiger Kontakte für die
Fachtagung zum Opferschutz im Oktober und das Interesse zweier Frauen an der ehrenamtlichen
Mitarbeit im Verein. Danke.
Hier die Ergebnisse
Gesamt: 59
1. Frage: Kennen Sie uns... 14 mit Ja 23%
2. Frage: Kennen Sie jemanden.. 15 mit Ja 25%
3. Frage: Vergewaltigung in der Ehe. 58 mit Ja 98%
Annette Schiffmann – Öffentlichkeitsarbeit Frauennotruf Heidelberg

